"für einen Freund"

Von Verlust.

Es ist Freitag. Die Woche geht zu Ende. Ein Ausklang, Auskuppeln an meinen Schnittstellen vom Nach- und Vorsortieren des Erlebten und des zu Erlebenden. Ein erleichternder Zustand des sich Beschäftigens ohne die geschäftigen Zwänge im gewöhnlichen Mon-zu-Donnerstag. Gewöhnlich. Im Kleinen. Und diesmal so viel größer. So groß, dass es mich einige Zeit über das wartende Wochenende hinaus beschäftigen soll und wird.

Mich erreicht die Nachricht vom Tod eines engen wie langjährigen Freundes meiner Familie: Cornelis Visscher aus Vleuten in den Niederlanden. Wir kannten ihn als Cees und unsere Familien trafen zusammen in einem langen, wunderbaren Sommer an der Nordsee. Mitte der Siebziger. Mit viel Sonne, Meer und einem großen Gefühl von Freiheit.

Er war schnell ein Held meiner Kindheit und ich tat mich schon immer eher schwer mit Helden. Locker war er, wirkte immer entspannt und sah aus wie der junge Mel Gibson. Witzig, intelligent und charmant. Und sein strahlender Humor steckte an. Cees nahm die Menschen ernst, schenkte ihnen im Gespräch seine volle, konzentrierte Aufmerksamkeit. Ganz gleich ob Kind oder Erwachsener. Das imponierte mir mindestens so sehr wie sein alter Sunbeam. Denn Rennen ist er auch noch gefahren. Für mich als Junge von nicht mal zehn Jahren eine unfassbar coole Kombination.

Es blieb nicht bei der zufälligen und unverbindlichen Urlaubsbekanntschaft. Unsere Familien besuchten sich. Regelmäßig. Nie einseitig. Alle wollten. Und das auch auf Distanz, denn wir waren zwischenzeitlich vom Niederrhein an die Nahe gezogen, was die Sprünge größer machte. Und die Verbindlichkeit verbindlicher.

Die Familien entwickelten sich und gediehen. Cees hatte eine zauberschöne Frau Marjan und die beiden Söhne Rutger und Jasper. Achtzehn Jahre jünger, zog ich dann irgendwann nach und nannte auch meinen Sohn Jasper. Weil mir der Name so gut gefiehl. Unterbewusst geschah das ganz sicher auch als Ausdruck meiner Verbundenheit. Bei sowas gibt es selten Zufälle.

Nun ist er gestorben. Mit neunundsechzig Jahren. Natürlich zu früh. Und genau in diesem Moment erkenne ich, dass wir uns leider nur sehr unregelmäßig gesehen haben. Arbeit, Alltag, Bequemlichkeiten. Ich bedauere das heute. Jetzt und zutiefst.

„Laufe nicht der Vergangenheit nach. Verliere dich nicht in der Zukunft. Die Vergangenheit ist nicht mehr. Die Zukunft ist noch nicht gekommen. Das Leben, wie es hier und jetzt ist, eingehend betrachtend weilt der Übende in Festigkeit und Freiheit. Es gilt, uns heute zu bemühen. Morgen ist es schon zu spät. Der Tod kommt unerwartet. Wie können wir mit ihm handeln?“

Erkenntnis im Augenblick. Ich lerne. Ich atme. Ich bin traurig.

”Unser ganzes Dasein ist flüchtig wie Wolken im Herbst. Geburt und Tod der Wesen erscheinen wie Bewegung im Tanz. Ein Leben gleicht dem Blitz am Himmel, es rauscht vorbei wie ein Sturzbach den Berg hinab.“

Beide Aphorismen sind von Buddha. Weit über zweitausend Jahre alt. Und beide begleiten mich seit vielen Jahren. Habe ich etwas daraus gelernt? Dass das Lernen nicht aufhört. Und das Wahrnehmen. Und die Wertschätzung.

RIP.

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