"Zeit"

„Im Herbst steht in den Gärten die Stille, für die wir keine Zeit haben.“

Victor Auburtin hat das gesagt. Der lebte als Feuilletonist und französischer Auslandskorrespondent in Berlin. Über hundert Jahre ist das schon her, aber als ich heute morgen aus meiner Dusche in die herbstnebeligen Nachbarsgärten blickte, empfand ich das ganz ähnlich.

Nur Minuten darauf las ich dann den Auburtin und überlegte, dass sich die Dinge bis heute kaum wirklich verändert hatten.

Später in meiner Bürokorrespondenz wurde ich heute abermals mit der Zeit konfrontiert oder vielmehr mit dem Mangel daran. „Ich habe keine Zeit“, hier und da und dort. Alle Menschen ganz geschäftig. Und das nur wenige Stunden vor dem Wochenende. Natürlich hat man keine Zeit. Niemand kann die Zeit haben. Keiner kann sie besitzen. Es ist allerdings ein Riesenunterschied vorzugeben, keine Zeit zu haben oder eben diese wirklich zu nutzen. Das entspricht dem Gegensatz von Aktionismus und Aktion. Ich folge da gerne den Gedanken Senecas: „wir haben nicht zu wenig Zeit, sondern vergeuden zu viel davon“. Da hat er Recht. Die kluge Verteilung liegt in der persönlichen Gewichtung. Sich für die richtigen Inhalte zu entscheiden.

Mit der Zeit ist das so eine Sache. Es sind die eigenen Grenzen, die einen rückblickend zu der Erkenntnis führen, dass man in seinem Leben kaum zu wenig Zeit mit Arbeit, mit uninteressanten Leuten, mit ärgerlichen und tatsächlichen Nichtigkeiten verbracht haben wird. Allerdings leider viel zu wenig Zeit mit den Menschen und den Dingen, die man wirklich liebt.

„Ich jedenfalls möchte keine Zeit haben, in der ich keine Zeit habe“ (… hier bediene ich mich bei dem Politikwissenschaftler André Brie). Verdammt Recht hat er.

So ist das. Ich mache es also wenigstens heute besser, denke ich in erwartungsvoller Vorfreude auf einen ruhigen Leseabend mit schläfrigfaulen Gedankenpausen an einem kalten Freitagabend im November. Mit meiner Süssen auf der Couch und einem Glas Auxerrois in Griffweite.

© November 2015

zeit_960.png