zum Tod von Wiglaf Droste.

„Schon seltsam, wie leicht man vergisst,
dass alles, was man tut, für immer ist.“

Das hat Wiglaf Droste rund um die Jahrtausendwende in seinem Song „Für immer“ für das Spardosenterzett geschrieben. Und jetzt ist er gestorben. Viel zu früh natürlich, mit nur 57 Jahren. Da hätte ich gerne noch sehr viel mehr von ihm lesen oder hören mögen.

Ich bin kein großer Freund sinnfrei geteilter, mediengerecht quadratischer RIP-Sterbe-Memes „je suis Wiglaffe“ in den sozialen Medien, wohl aber von privaten Notizen zu solchen Einschnitten, wenn Kunst oder Person oder am besten beides tatsächlich persönlich von Bedeutung waren. Die sind Zeichen von Respekt und Anteilnahme und Beleg dafür, dass man noch etwas merkt und dem auch Ausdruck verleihen möchte oder muss oder kann. Und sie machen kenntlich, dass es noch andere gibt, die das ähnlich sehen können und nachvollziehen wollen und das ist gut so.

Droste war ein scharfer Hund mit festem Biss. Kritisch, fokussiert mit klarem Blick bei noch klarerem Verstand. Ich mochte seine Texte. Und seine Lieder. Und seine kulinarische Disposition. Und ich mochte ihm zuhören. Glücklicherweise durfte ich vor Jahren meine Lieblingsbuchhändlerin anzünden, um eine unvergessene Lesung mitzuorganisieren. In einer Reihe nach Harry Rowohlt mit seinem Paddy-Whiskey, der ihm dann auch im Sterben 2015 vorausgegangen ist, immerhin siebzigjährig.

Wenn ein Künstler, den man für viele Jahre gerne gelesen, gehört, besehen hat stirbt, sein Werk abrupt endet, bemerkt man etwas auskuppeln und schmeckt bittere Vergänglichkeit. In dieser Melancholie spürt man die Schürfwunden auf der eigenen Seele.

„Unser ganzes Dasein ist flüchtig wie Wolken im Herbst. Geburt und Tod der Wesen erscheinen wie Bewegung im Tanz. Ein Leben gleicht dem Blitz am Himmel, es rauscht vorbei wie ein Sturzbach den Berg hinab.“ Das ist weit über zweitausend Jahre alt, stammt vom unverwüstlichen Buddha und trifft es für mich immer und immer wieder am allerbesten.

© photo: Wolfgang Zeyen

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"Ambiguitätstoleranz"

Meinung aushalten.
Auch in den Sozialen Medien.

Ambiguitätstoleranz heisst die Fähigkeit, andere Meinungen und Sichtweisen zu akzeptieren. Es geht darum, Mehrdeutigkeiten und Widersprüche in Handlungsweisen und Situationen ertragen zu können. Widersprüchliche Verhaltenserwartungen in sozialer Interaktion auszuhalten und handlungspraktisch zu bewältigen. Ohne Unwohlsein, Konfusion oder aggressive Reaktionen.

Und damit auch ohne das Ventilieren von Sophismata bis zur manierenfreien Defäkation in anderer Leute Threads in den Sozialen Medien. Auch wenn die innere Rechthabeblähung noch so drückt und zerrt.

Die Ambiguitätstoleranz ist eine wesentliche Kompetenz zur Entwicklung und Behauptung von Ich-Identität und zu sinnstiftender Auseinandersetzung im Dialog.

Die gute Nachricht: sie lässt sich üben.

"das Piffchen"

vom "Piffchen"

Was das ist, so wurde ich höflichst gebeten, sollte ich heute schon am frühen Mittag meinen generösen wie gut gelaunten Gastgebern im Ristorante Ponte Vecchio zu Bad Kreuznach erklären, die sich zunächst, aber nur kurzfristig zierten, bereits am hellichten Tage einen frischen, leichten Zwölfuhrdreissigwein zu trinken.

„Liebe Freunde, das ist eine Chance und die Dokumentation von Parkettsicherheit zugleich: ein Glas Wein ist Alkohol und zum Business-Lunch mit anschließenden Bürostunden vielleicht inakzeptabel, ein Piffchen jedoch dient ausschließlich dem Geschmack und belohnt die Mühen der Köche. Eine Art Gruß zurück an die Küche ... sozusagen, eine Form von Respekt. Denn wer bitte trinkt schon Fanta zu frischen Muscheln?

Ein „Piffchen“, g’schwätzt „Piffsche“ oder standesvermeinend distinguiert gesprochen wie geschrieben, ist eine an der Nahe, im Rheingau und Rheinhessen existenzielle Volumenmaßeinheit für Wein. Sie entspricht 0,1 Litern und ist damit die kleinste Maßeinheit für dieses Geschenk der Natur. Ein Hauch, quasi. Mehr Parfum als Konsum oder gar Missbrauch.

Etymologisch, so streiten sich die Experten, leite sich der Begriff wohl von dem alten Hohlmaß „Pfiff“ ab, oder eben der Annahme, dass sich eine so kleine Menge Wein in der Dauer eines knappen Pfiffs trinken lassen müsse. Ich meine, dass sich das nicht wirklich widersprechen muss: zur Versöhnung empfehle ich einen Riesling, Anlässe finden sich immer.

Saluti

© 2018 Bruno Schulz

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"von Fairness"

von Fairness: aus der Provinz.

Die Fairness findet ihre Wurzeln im englischen Adjektiv „fair“, das für „anständig“ steht. Sie ist die großartige Idee von einer einvernehmlich akzeptierten Gerechtigkeit ohne gesetzliche Regelung. Ein Konsens in Anständigkeit, sozusagen.

Die Einvernehmlichkeit steht für ein Miteinander auf Augenhöhe, das eine Gesellschaft kultiviert und lebenswert macht. Der Rahmen der Fairness lässt sich sicher mal weiter und mal enger fassen und man mag auf viele Positionen eine eigene Perspektive pflegen. Unbestritten ist aber wohl, dass beispielsweise die hehre wie schützenswerte Form von demokratischen Prozessen durch unlautere Tiefschläge, durch unnötige Diffamierungen und überflüssige Diskreditierungen an Anspruch wie Qualität und Würde verliert.

Und um das zu finden muss man leider nicht weiter reisen, als das Auge durch die Lokalpresse streift. Heute morgen finde ich in der hiesigen Ausgabe der Mainzer Rhein-Main-Presse, in einer Art Lokalteil des Lokalteils, einen leicht lesbaren wie einfachverständlichen Beitrag zum Auftritt der Bad Kreuznacher Parteienlandschaft anlässlich der kurz bevorstehenden Kommunalwahlen. Der Redakteur weiß offensichtlich, für wen er schreibt und wie er sein Publikum greifen muss. Und er macht auch keinen Hehl daraus, welcher Partei er seine Antipathien ausdrücken möchte. Als Vehikel nutzt er einen gefühlig selbstgefälligen wie unsachlichen Vergleich der aktuellen Plakatierung nebst deren dokumentierte Montage durch "unterbelichtete, düstere Gestalten".

Ja klar, Geschmack ist subjektiv. Der schwäbische Aphoristiker Werner Mitsch prägte die großartige Formel: „über Geschmack kann man streiten - oder auch nicht. Ganz nach Geschmack.“ Nicht subjektiv sein sollte jedoch die Vorstellung, was so kurz vor einer demokratischen Wahl als fair bezeichnet werden kann und was nicht, denn es gibt hinreichend abstoßende Beispiele auch aus der „großen Politik“. Dass mit den Streitern aus den Parteien mal die Pferde durchgehen ist leicht verständlich und nur zu menschlich. Einem erfahrenen Redakteur einer überparteilichen, halbwegs neutralen Presse sollte ein solcher Lapsus allerdings nicht unterlaufen.

PS: unsere Agentur arbeitet mit den hiesigen Sozialdemokraten in Sachen Design und Öffentlichkeitsarbeit zusammen. Diese Anmerkung wollte ich nicht auslassen, um alle Missverständnisse zu vermeiden.

11. Mai 2018

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